Titel

Anna Denz

Geb. 1923

Zwischenüberschrift

Die Schülerin schmuggelt verbotene Schriften über die Grenze und flieht vor ihren Verfolgern ins Ausland.

Text

Wie ihre Eltern Anna Maria und Oskar Denz gehört auch die 1923 in Lörrach geborene Anna Denz der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas an. Wie die allermeisten Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft weigert auch Anna sich nach der NS-"Machtergreifung" 1933, in der Schule mit "Heil Hitler" zu grüßen und dem nationalsozialistischen "Bund Deutscher Mädel" (BDM) beizutreten. Von ihren Lehrern und Mitschülerinnen wird sie deshalb schikaniert. Um dem zu entgehen, verlässt Anna 1937 im Alter von nur 14 Jahren die Schule und tritt eine Lehrstelle an.

Schon in den vorangehenden Jahren hat Anna ihren Eltern regelmäßig dabei geholfen, verbotene Schriften der Zeugen Jehovas heimlich aus der nahegelegenen Schweiz über die Grenze nach Deutschland zu schmuggeln. Als Kind wirkt sie unverdächtig. Die von der Familie ins Land gebrachten Schriften werden an andere Mitglieder der Zeugen Jehovas weiterverschickt oder von Kurieren abgeholt. Anna und ihre Eltern wissen, dass ihnen harte Strafen drohen, falls man ihnen auf die Schliche kommt. Durch ihren Glauben fühlen sie sich aber verpflichtet, so zu handeln.

Zum Verhängnis wird der Familie Denz der 2. Februar 1938: Wie schon oft machen sich die drei an diesem Tag auf den Weg in die Schweiz. In Bettingen bei Basel holen sie etwa 60 Exemplare einer illegalen Druckschrift ab und verstecken sie unter ihrer Kleidung. Diesmal aber schöpfen die deutschen Grenzbeamten Verdacht. Sie durchsuchen Anna und ihre Eltern und finden die verbotenen Schriften. Alle drei werden an die Gestapo übergeben und ins Gefängnis gesteckt.

Obwohl die Gestapo-Beamten, die Anna verhören, sie stundenlang unter Druck setzen und ihr drohen, man werde sie ins KZ bringen, verrät Anna keine Namen von Kontaktpersonen. Da sie erst fünfzehn Jahre alt ist, glauben die Gestapo-Leute, sie sei von ihren Eltern gezwungen worden, sich am Schmuggel der Schriften zu beteiligen. Schon einen Tag nach ihrer Verhaftung wird Anna deshalb entlassen und zu ihrer Tante gebracht. Ihre Eltern hingegen bleiben in Haft. Obwohl Anna unter Beobachtung steht, gelingt es ihr, einige in Stuttgart lebende Mitwisser per Post zu warnen.

Um Anna vor weiterer Verfolgung zu schützen, bringt ein von befreundeten Schweizer Glaubensgenossen beauftragter Fluchthelfer sie einige Tage später an der "Eisernen Hand" über die Grenze in die Schweiz. Dort erhält sie eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Annas Eltern werden beide zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben, verschleppt man sie 1940 in Konzentrationslager. Annas Mutter kommt 1942 im Frauen-KZ Ravensbrück, ihr Vater im selben Jahr im KZ Mauthausen zu Tode. Erst Monate später erfährt die junge Frau vom Tod beider Eltern.

Anna Denz kehrt auch nach dem Ende des NS-Regimes nicht nach Deutschland zurück. Mit ihrem Ehemann James Turpin, den sie in der Schweiz kennengelernt hat, wandert sie 1951 in die USA aus. Drei Jahre später nimmt sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. (al)

Factbox

1923

geboren in Lörrach

1937

vorzeitiger Schulabschluss und Beginn einer Lehre

1938

mit den Eltern beim Schmuggeln verbotener Schriften erwischt - Flucht in die Schweiz

1942

Tod beider Eltern im KZ

1951

Hochzeit und Auswanderung in die USA

Text

 

Ich beschloss, den Hitlergruß nicht mitzumachen. (Anna Denz in der Rückschau)