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Möchtest du mehr über einen bestimmten Begriff erfahren? In unserem Lexikon findest du eine kleine Hilfestellung. Manche Begriffe sind mit grauer Schrift gekennzeichnet. Das zeigt an, dass sie von den Nationalsozialisten und ihren Verbündeten geprägt oder ideologisch missbraucht wurden.

A

Agitation

Der Begriff „Agitation“ leitet sich vom lateinischen „agitare“ ab und bedeutet „antreiben“, „anspornen“. Heute ist der Begriff „Agitation“ negativ besetzt: Agitation betreibt, wer anderen seine fest gefasste politische Meinung aufdrängen möchte und dabei eher die Gefühle als den Verstand anspricht oder aber sogar bösartige Hetze betreibt. Vor 1933 hatte der Begriff hingegen eine völlig andere, positive Bedeutung: In der deutschen Arbeiterbewegung verstand man unter „Agitation“ ursprünglich einfach nur die Werbung für die eigenen politischen und sozialen Interessen. Die regionalen Gliederungen der SPD wurden deshalb als „Agitationsbezirke“ bezeichnet. Erst als die 1918/19 gegründete KPD in der Weimarer Republik ihre eigene Agitation mehr und mehr als ideologische Hetzpropaganda betrieb, begann sich die Bedeutung des Begriffs in der Wahrnehmung aller demokratischen Kräfte zum Negativen hin zu wandeln. (hjk/ah)

Aktion Gewitter | Aktion Gitter

Als „Aktion Gewitter“ bezeichneten die Verfolgungsbehörden des NS-Regimes eine groß angelegte Verhaftungswelle, die nur wenige Wochen nach dem fehlgeschlagenen Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 einsetzte. Im Rahmen der Aktion verschleppte die Gestapo am 22. und 23. August 1944 mehr als 5.000 ehemalige Funktionäre der KPD, der SPD und der Gewerkschaften in Konzentrationslager. Die Aktion war schon zuvor von langer Hand vorbereitet worden. Wer sich nach dem Verbot seiner Organisation 1933 mehr als zehn Jahre lang überhaupt nicht am Widerstand gegen das NS-Regime beteiligt hatte, konnte genauso betroffen sein wie ein anderer, der in der Illegalität aktiv geblieben war. Auch Dutzende badische Kommunisten und Sozialdemokraten wurden im Rahmen der Aktion Gewitter in „Schutzhaft“ genommen. Die meisten von ihnen wurden ins KZ Dachau bei München verbracht. Hunderte der Inhaftierten wurden im KZ zu Tode gequält. Andere wie Karl Großhans erlagen nach ihrer Befreiung aus dem KZ den Folgen der erlittenen Torturen. (ah)

Aktion T4

Mit dem Ausdruck „Aktion T4“ wird ein von Adolf Hitler selbst in Auftrag gegebenes Ermordungsprogramm bezeichnet. Der Deckname „T4“ steht für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dort befand sich der Hauptsitz der Aktion. Sie betraf Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten. Die Nazis bezeichneten diese Morde auch als „Euthanasie“  – ein widerwärtiger Missbrauch eines Begriffs, der in altgriechischer Sprache eigentlich einen leichten und schönen Tod meint. Leiter der Aktion war Philipp Bouhler. Gemeinsam mit Ärzten, Pflegern und anderen setzte er die Tötung von rund 200.000 Kranken und Menschen mit Behinderung um. Schon 1939 wurden an alle in Frage kommenden Pflegeheime und psychiatrischen Anstalten im Deutschen Reich Meldebogen versandt. Auf diesen wurden die Krankheitssymptome und die „Arbeitstauglichkeit“ der jeweiligen Patienten vermerkt. So sollten die „Reinhaltung der Rasse“ garantiert und „kriegsuntaugliche“ Personen eliminiert werden, die im Krieg zur Last werden könnten. Die zum Beispiel in Grafeneck eingerichtete Gaskammer diente als eine Art Testballon für die Mordeinrichtungen in den Vernichtungslagern, die Nazi-Deutschland später im besetzten Polen errichtete. (hjk)

Anarchismus

Der Begriff „Anarchie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaftslosigkeit“. Ziel des Anarchismus ist, dass jeder Mensch über sich selbst bestimmen kann, ohne in seinen Handlungen von irgendjemandem eingeschränkt zu werden. Der Staat, der über die Einzelnen bestimmt, soll aufgelöst werden. Es sollen auch keine Institutionen wie Gerichte, Verwaltung und Polizei existieren. Alle Entscheidungen werden je nach Situation getroffen. Der Anarchismus entwickelte sich im frühen 19. Jahrhundert und basierte auf den Lehren von Pierre-Joseph Proudhon [sprich: Piër Schosef Prudõ], Mikhail Bakunin und Pjotr Kropotkin. Große Teile der anarchistischen Bewegung befürworten den Einsatz von Gewalt, um die anarchistische Idee zu etablieren. Manche schrecken dabei auch nicht vor Mord zurück. Einige hingegen lehnen Gewalt jedoch ab, da sie nicht mit einer herrschaftsfreien Gesellschaft vereinbar sei. (hjk/as)

Antifaschismus

„Antifaschistisch“ nennen sich Gruppen und Parteien, die sich gegen faschistische Bewegungen richten. Kommunistische Gruppen verwenden das Wort gerne als Kampfbegriff, um die eigene Politik zu rechtfertigen. Die Unterdrückung von politischen Gegnern in kommunistischen Staaten wurde bis zu deren Zerfall am Ende des 20. Jahrhunderts oft damit gerechtfertigt, dass man gegen „die Faschisten“ – wie die meisten Gegner genannt wurden – kämpfen müsse. „Faschismus“ war dabei nicht klar definiert. Diese begriffliche Unklarheit hatte einen realen historischen Hintergrund: Seit 1928/29 hatte die kommunistische Weltbewegung die Sozialdemokratie als ihren Hauptfeind gesehen, den es vorrangig zu bekämpfen gelte. Die SPD und andere sozialdemokratische Parteien wurden seither als „Sozialfaschisten“ beschimpft. Diese auch von der KPD mitgetragene Position trug in den Jahren vor 1933 entscheidend zur Schwächung der Nazi-Gegner bei, da es ein gemeinsames Zusammenstehen gegen die Nationalsozialisten verhinderte. (hjk/ah)

Antijudaismus

Der Begriff „Antijudaismus“ bezeichnet eine vor allem religiös begründete Ablehnung des Judentums. Seit den christlichen Kreuzzügen nach Jerusalem im 12. Jahrhundert kam es in Europa immer wieder zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Aufgrund der Kreuzigungsgeschichte in der Bibel beschuldigten viele Christen seit dem Mittelalter die Juden als Mörder von Jesus – der ja selbst Jude gewesen war. Man behauptete, Juden würden Brunnen vergiften, rituell Kinder ermorden, oder andere Verbrechen begehen. Oft wurden Juden auch als „Wucherer“ bezeichnet: Im Mittelalter war es ihnen meist nicht erlaubt, handwerkliche Berufe auszuüben. Viele Juden waren daher als Geldverleiher tätig. Daran knüpften bösartige Behauptungen an, die „reichen Juden“ würden die Notlage der Beliehenen ausnutzen und sich finanziell bereichern. Ab dem späten 15. Jahrhundert herrschte in Europa für Juden immer mehr der Wohnzwang in sogenannten Ghettos, die mit zunehmender Bevölkerung auch immer enger und unbewohnbarer wurden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verband sich dieser Antijudaismus mit der aus der Tierwelt auf die Menschen übertragenen „Rassenlehre“ zum Antisemitismus. (hjk/as)

Antisemitismus

Der Begriff „Antisemitismus“ bezeichnet eine rassistisch begründete Einstellung gegenüber Juden und Menschen jüdischer Herkunft. Antisemiten behaupten, dass die von ihnen als „Juden“ eingeordnete Menschen Eigenschaften besitzen, die sie niemals ablegen oder verändern können. Dazu zählt zum Beispiel ein für Juden angeblich typisches Aussehen mit langen Fingern, Hakennase und gekrümmter Körperhaltung. Im Zuge eines weit verbreiteten Antijudaismus waren Juden bereits seit dem Mittelalter als „Gottesmörder“, „Brunnenvergifter“ oder „Wucherer“ bezichtigt worden. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Behauptung aufkam, die Juden würden die „Weltherrschaft“ anstreben, verbreitete sich der Antisemitismus schnell in weiten Teilen der Gesellschaft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nährten die „Protokolle der Weisen von Zion“ dieses Gerücht. Dabei waren diese „Protokolle“ eine Fälschung von unbekannten Autoren, die die Vorurteile gegen Juden weiter schüren wollten. Die schlimmste Ausprägung nahm der Antisemitismus in der NS-Zeit an. Insgesamt wurden in den Jahren 1938 bis 1945 über sechs Millionen Juden ermordet. (hjk/as)

Arbeiterbewegung

Im Zuge der Industrialisierung wurden im 19. Jahrhundert auch in Deutschland Millionen von Menschen von der Arbeit in den in großer Zahl entstehenden Fabriken abhängig. Kinderarbeit und Hungerlöhne bei bis zu 14-stündigen Arbeitstagen waren dort an der Tagesordnung. Um ihre elende Lebenssituation zu verbessern, schlossen sich Arbeiter bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Vereinen zusammen. Aus diesen entstand in den 1860er Jahren die Sozialdemokratie, die sich für eine Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und soziale Rechte einsetzte. Obwohl sie im Kaiserreich politisch unterdrückt wurde, stieg die SPD bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zur stärksten politischen Kraft in Deutschland auf. Gleichzeitig erstritten die ihr nahestehenden Freien Gewerkschaften gegen stärkste Widerstände von Seiten der Unternehmer menschenwürdigere Arbeitsbedingungen und Löhne. Um SPD und Gewerkschaften herum entstand mit der Zeit ein dichtes Netz von Kultur-, Sport- und Selbsthilfeeinrichtungen der gesellschaftlich ausgegrenzten Arbeiterschaft. Von der SPD spaltete sich 1917 die USPD und von dieser wiederum am Jahreswechsel 1918/19 die KPD ab. Anders als die SPD, die auf die Gewinnung einer Mehrheit der Stimmen bei demokratischen Wahlen setzte, wollte die KPD die Schaffung einer gerechteren Gesellschaftsordnung notfalls auf dem Wege der Errichtung einer „Diktatur des Proletariats“ erzwingen. (hjk/ah)

Arier

Der Begriff „Arier“ bezeichnete vermutlich ursprünglich ein Volk, das schon vor antiker Zeit in Zentralasien lebte. Nachdem sich dieses Volk nach Persien ausgebreitet hatte, bezeichneten sich schließlich auch die Perser selbst als Arier. „Iran“, der heutige Name Persiens, bedeutet „Land der Arier“. Im 19. Jahrhundert übernahmen europäische Sprachwissenschaftler den Begriff „arisch“, um das Verwandtschaftsverhältnis zwischen der persischen Sprache einerseits und einem Großteil der europäischen Sprachen anderseits zu betonen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts eigneten sich aber auch Nationalisten und Rassisten den Begriff „Arier“ an: Vermeintlich minderwertigen „Rassen“ wie der jüdischen stellten sie die vermeintlich eigene „arische Herrenrasse“ gegenüber. An diese frühen Rassentheorien knüpften die Nationalsozialisten direkt an. Unter dem von ihnen 1933 errichteten Regime wurden „Nicht-Arier“ von Anfang an drangsaliert, schikaniert und aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Dem „Ariernachweis“ kam deshalb seither eine Schlüsselrolle im Leben aller Deutschen zu: Schulisches Fortkommen, Berufserlaubnis und Besitz, körperliche Unversehrtheit und schließlich gar das nackte Leben hingen davon ab, ob man belegen konnte, dass die eigenen Großeltern „Arier“ gewesen waren. (ah)

Arisierung

Der Begriff „Arisierung“ bezeichnet die Verdrängung von Juden und Menschen jüdischer Herkunft aus allen Bereich des öffentlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens im NS-Staat. Ihr Eigentum wurde geraubt. Offiziell wurde dieser Raub als „Verkauf“ dargestellt. Den Besitz übernahmen nichtjüdische Deutsche. Viele sahen darin eine günstige Gelegenheit, sich persönlich zu bereichern. Bereits unmittelbar nach ihrer „Machtergreifung“ begannen die Nationalsozialisten auf jüdische Besitzer von Grundstücken, Häusern und Betrieben Druck auszuüben. Sie sollten ihr Eigentum auf „Arier“ übertragen. Meist erhielten sie dafür nur den Bruchteil des eigentlichen Werts. In vielen Fällen wurde danach auch noch das Restvermögen vom Staat beschlagnahmt. (hjk/as)

Asoziale

Obdachlose, Wanderarbeiter, Umherziehende, aber auch Alkoholiker oder Prostituierte galten im NS-Regime pauschal als „asozial“ und „arbeitsscheu“. In den Augen der Nazis waren sie „Ballastexistenzen“ oder „wertlose Schädlinge“. Sie konnten ohne Gerichtsurteil in Vorbeugehaft genommen und in ein Arbeits- oder Konzentrationslager eingewiesen werden. An ihrer Häftlingskleidung war ein schwarzer Winkel angebracht. (hjk)


B

Bewegung

Die faschistischen Parteien, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in vielen europäischen Ländern entstanden, wollten sich zu Vorboten einer neuen Zeit stilisieren. Um sich von den von ihnen verachteten Systempolitikern abzugrenzen, bezeichneten sie sich selbst als „Bewegungen“. Auch die NSDAP begriff sich nicht als Partei, sondern als „Bewegung“. Der Begriff verhieß Dynamik, Jugendlichkeit, Veränderung und ließ sich deshalb trefflich dem angeblich verkrusteten und korrupten demokratischenSystem gegenüberstellen. Zugleich zeigte er an, dass man die Auseinandersetzung mit den so verhassten politischen Gegnern weniger in den Parlamenten als vor allem auf der Straße suchte. Die Selbstbezeichnung als „Bewegung“ war damit ein wichtiges propagandistisches Mittel zur Eroberung der Macht. (ah)


D

Deckname

Nach der NS-„Machtergreifung“ 1933 mussten Tausende Sozialdemokraten und Kommunisten aus Deutschland fliehen. Viele von ihnen unterstützten danach den Widerstand im Deutschen Reich vom Ausland aus. Wenn sie im Rahmen ihrer Widerstandstätigkeit wieder nach Deutschland einreisten, konnten sie dies nur unter einem fremden Namen, einem Decknamen, tun. Aber auch im Exil selbst benutzten viele Nazi-Gegner Decknamen. Das bekannteste Beispiel ist der spätere Bundeskanzler Willy Brandt, der ursprünglich Herbert Frahm geheißen hatte. (hjk/ah)

Defätismus

Der Begriff „Defätismus“ ist abgeleitet vom französischen Wort „défaite“ [ausgesprochen: defä´t], das „Niederlage“ bedeutet. Während des Zweiten Weltkriegs konnte im Deutschen Reich jegliche Art von Kritik an der deutschen Kriegsführung als „Defätismus“ ausgelegt werden. Defätismus wurde wie die Verweigerung des Kriegsdienstes als „Wehrkraftzersetzung“ gewertet und mit der Todesstrafe geahndet. (as/ah)

Demagogie

Der Begriff „Demagogie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Verführung des Volkes“. Demagogie betreibt, wer bei Menschen Gefühle und Vorurteile mobilisiert und sie damit gegen andere Gruppen von Menschen aufhetzt. In der Antike war der Begriff zunächst meist positiv besetzt – er bezeichnete die Fähigkeit eines großen Redners, der mit seinen Reden das Volk für eine positive Sache gewinnen konnte. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts erhielt der Begriff eine mehr und mehr negative Bedeutung, um die jeweiligen politischen Gegner als Lügner und Hetzer zu beschimpfen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzten vor allem extremistische Gruppierungen demagogische Reden ein, um gegen ihre so definierten Feinde zu hetzen. Zu den größten Demagogen des 20. Jahrhunderts zählen Adolf Hitler und Joseph Goebbels, die mit ihren Hetzreden vor allem Juden und Menschen jüdischer Herkunft angriffen. (hjk/as)

Demokratie

Der Begriff „Demokratie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Über Wahlen und Abstimmungen ist in einer Demokratie jede Bürgerin und jeder Bürger ab einem bestimmten Alter an der Gestaltung des Staats beteiligt. Es gibt verschiedene Formen der Demokratie. Bei derjenigen der direkten Demokratie können die Bürgerinnen und Bürger selbst über Gesetze abstimmen. Das ist zum Beispiel in der Schweiz häufig der Fall. In Deutschland haben wir eine repräsentative Demokratie. Das heißt, dass die Bürgerinnen und Bürger Vertreterinnen und Vertreter von verschiedenen Parteien in ein Parlament wählen. Die Gewählten repräsentieren dann mit ihrer Politik die verschiedenen Meinungen der Wählerinnen und Wähler. Meist bildet die Partei mit den meisten Stimmen die Regierung. Um einem Machtmissbrauch vorzubeugen, besteht in einer Demokratie das Prinzip der Gewaltenteilung. Das Parlament, in Deutschland der Bundestag und der Bundesrat, ist die gesetzgebende Gewalt (= Legislative). Das Parlament kontrolliert die ausführenden Organe (= Exekutive), also die Regierung und die Verwaltung. Sie sind für die Umsetzung der Gesetze verantwortlich. Unabhängige Gerichte (= Judikative) kontrollieren Exekutive und Legislative und wachen über die Einhaltung der Gesetze. (hjk/as)

Denunziation

Der Begriff „Denunziation“ leitet sich vom lateinischen „denuntiare“ ab, das „anzeigen“ bedeutet. Unter „Denunziation“ versteht man die Anzeige einer Person bei einer Behörde. Oft will der Denunziant dem Menschen, den er anzeigt, schaden und sich selbst mit dieser Anzeige Vorteile verschaffen. In einer Diktatur werden Menschen oft aus politischen Gründen denunziert, weil sie Widerstand leisten, sich für Verfolgte einsetzen, einer Minderheit angehören oder einfach nur gegnerische Informationsmedien wie etwa "Feindsender" benutzen. (hjk) 

Deportation

Der Begriff „Deportation“ leitet sich vom lateinischen „deportare“ ab. Das bedeutet „fortbringen“. „Deportation“ bezeichnet das staatlich organisierte, häufig gewaltsame Wegschaffen von Menschen. Dies kann rassistische Hintergründe haben wie etwa bei der massenhaften Deportation von Juden und Menschen jüdischer Herkunft aus Deutschland und Europa unter der NS-Diktatur. Die Deportation kann aber auch politisch begründet sein wie etwa im Fall der Deportation Deutscher am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Osteuropa. (hjk)

Desertion

„Desertion“ leitet sich vom lateinischen „deserere“ ab, das „verlassen“ bedeutet. Als Deserteur wird bezeichnet, wer sich ohne Erlaubnis von der militärischen Einheit entfernt, zu der er gehört. In der deutschen Sprache wird dies auch als „Fahnenflucht“ bezeichnet. Im heutigen deutschen Wehrstrafgesetz wird die Fahnenflucht mit mehrjähriger Freiheitsstrafe geahndet. Unter der NS-Diktatur riskierte man mit der Desertion sogar sein Leben: Im Zweiten Weltkrieg desertierten rund 350.000 bis 400.000 Soldaten der deutschen Armee. Die Wehrmachtsgerichte verhängten insgesamt 30.000 Todesurteile, die sogar noch bis in die letzten Kriegstage hinein ausgeführt wurden. (hjk)

Diktatur

Der Begriff „Diktatur“ leitet sich vom lateinischen „dictare“ ab, das „befehlen“ bedeutet. In einer Diktatur bestimmt eine einzelne Person oder eine Gruppe, ohne das Volk zu beteiligen. Diktatoren stellen ihre Interessen und Überzeugungen über das Wohlergehen und die Freiheit aller anderen Menschen. Ihre Macht stützt sich auf das Militär oder auf eine Partei. Sie rechtfertigen ihre Alleinherrschaft oft mit einem vermeintlichen Staatsnotstand, der angeblich ein schnelles und autoritäres Handeln erfordere. Abweichende Meinungen werden nicht geduldet, politische Gegner werden verfolgt, inhaftiert oder sogar ermordet. Häufig werden auch die Familien politischer Gegner benachteiligt und verfolgt. (hjk)

Drittes Reich

Schon lange vor ihrer „Machtergreifung“ bezeichneten die Nationalsozialisten die Diktatur, die sie errichten wollten, als „Drittes Reich“. Damit wollten sie ihren Anspruch verdeutlichen, dass sie in einer Linie mit den beiden vorangegangenen Kaiserreichen stünden: Als Erstes Reich wird das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ bezeichnet, das vom 10. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bestand. Als Zweites Reich wird das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich bezeichnet, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bestand. Nachdem Österreich 1938 an Deutschland „angeschlossen“ worden war, wurde im Sprachgebrauch der Begriff „Drittes Reich“ zunehmend durch „Großdeutsches Reich“ abgelöst. (hjk)


E

Einheitsfront

Mit der Gründung der KPD am Jahreswechsel 1918/19 und dem Anschluss der USPD an die neue Partei im Dezember 1920 hatte sich die deutsche Arbeiterbewegung endgültig in eine sozialdemokratische Linke einerseits und eine kommunistische Linke andererseits gespalten. Ihre Wirkungsmöglichkeiten waren damit geschwächt. Schon seit 1921 propagierte die KPD deshalb eine „Einheitsfront“ aller Arbeiterorganisationen im Kampf gegen den Kapitalismus und gegen den aufkommenden Rechtsextremismus. Dabei schwebte ihr allerdings keine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, sondern eine „Einheitsfront von unten“ unter Führung der KPD vor: Die Mitglieder von SPD, Freien Gewerkschaften und anderen Gruppen sollten sich gegen ihre eigenen Funktionäre stellen. Diese waren bei den Kommunisten unter anderem deshalb verhasst, weil sie deren Versuche, die parlamentarische Demokratie gewaltsam zu beseitigen, konsequent bekämpften. In den Reihen der Sozialdemokratie stieß die Idee der Einheitsfront auf wenig Sympathie. Die Sozialfaschismusthese machte ein gemeinsames Vorgehen von SPD und KPD gegen die erstarkende NSDAP dann vollends unmöglich. (ah)

Emigration

Der Begriff „Emigration“ leitet sich vom lateinischen „emigrare“ ab, das „auswandern“ bedeutet. Wer aus seinem Heimatland dauerhaft in ein anderes Land zieht, der emigriert. Dies kann freiwillig oder gezwungenermaßen geschehen. Zwischen 1933 und 1945 emigrierten aus dem NS-Regime ungefähr eine halbe Million Menschen. Der größte Teil von ihnen war wegen seiner jüdischen Herkunft in Deutschland verfolgt und bedroht. Rund 40.000 Menschen flohen ins Exil, weil sie als politische Gegner des NS-Regimes in Gefahr waren. (hjk)

Entnazifizierung

Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs – die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion – beschlossen bei der Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945 die Entnazifizierung Deutschlands: Die NSDAP wurde verboten, alle Nazi-Organisationen wurden aufgelöst. Straßen, die Namen von NS-Führern trugen, wurden umbenannt, nationalsozialistische Schriften und Orden beseitigt. In Nürnberg führte der Internationale Militärgerichtshof vom November 1945 bis zum April 1949 Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher und Hauptverantwortliche des NS-Regimes. Auch auf den unteren Ebenen wurden viele Täter vor Gericht gestellt und aus ihren Ämtern entlassen. Allerdings wurde die Entnazifizierung häufig nicht konsequent durchgeführt: Viele Täter konnten untertauchen, andere konnten sich durch Zeugen vermeintlich entlasten. Hinzu kommt, dass vor allem die westlichen Siegermächte glaubten, bei einem Wiederaufbau Deutschlands sei die Berufserfahrung in Verwaltung und Wirtschaft wichtiger als die politische Einstellung. (as)

Erfüllungspolitik

Unter dem Schlagwort „Erfüllungspolitiker“ hetzten die rechtsextremen Parteien gegen die führenden Politiker der Weimarer Republik. Anlass war deren Bemühen, den aus dem Versailler Vertrag entstandenen Verpflichtungen nachzukommen. Viele Politiker der Weimarer Republik glaubten, dass nach dem Ersten Weltkrieg Frieden nur geschaffen werden könne, wenn man diese Verpflichtungen erfülle. Zugleich führten sie aber immer wieder Verhandlungen mit den Siegermächten, um die zu leistenden Reparationszahlungen zu verringern. Diese Verhandlungen waren zäh, aber durchaus erfolgreich. Dennoch sahen die rechtsextremen Parteien nur die Nachteile des Vertrags: Deutschland musste unter anderem das Elsass und Lothringen an Frankreich abgeben. Zudem wurde die deutsche Reichswehr auf 100.000 Mann begrenzt, damit Deutschland keinen erneuten Krieg führen könnte. (hjk/as)

Ermächtigungsgesetz

Ein Ermächtigungsgesetz gewährt einer Regierung und dem Parlament außerordentliche Vollmachten, die es ermöglichen, in einer Notsituation die Verfassung kurzzeitig außer Kraft zu setzen. So sollen Staatskrisen abgewendet und Entscheidungen im Notfall schnell umgesetzt werden, ohne dass sie im lange dauernden demokratischen Prozess diskutiert werden müssen. In Deutschland wurden schon zur Zeit der Weimarer Republik mehrere Ermächtigungsgesetze erlassen. Im März 1933 brachte auch die neue Reichsregierung aus NSDAP und DNVP unter der Führung Adolf Hitlers ein Ermächtigungsgesetz in den Reichstag ein. Es zielte darauf ab, dass die Regierung künftig Gesetze einfach erlassen könne, ohne dass Reichstag und Reichsrat ihre Aufhebung fordern konnten. Dennoch beschloss der Reichstag das Ermächtigungsgesetz mit der notwendigen Zweidrittel-Mehrheit: Im Vorfeld der Abstimmung hatten Drohungen und Versprechungen dafür gesorgt, dass auch Zentrum und liberale Parteien dem Ermächtigungsgesetz zustimmten. Nur die SPD-Fraktion stimmte dagegen. Die kommunistischen Reichstagsabgeordneten waren vor der Abstimmung verhaftet worden oder geflohen. (hjk/as)

Euthanasie

Das Wort „Euthanasie“ stammt aus dem Altgriechischen und meint eigentlich einen leichten und schönen Tod. Wenn jemand einem unheilbar kranken Menschen ein Medikament gibt, das zum Tode führt oder auf andere Weise aktiv jemandem beim Sterben hilft, um sein Leiden zu beenden, spricht man von Euthanasie oder aktiver Sterbehilfe. Im NS-Regime erfuhr der Begriff eine widerwärtige Umdeutung: Viele Menschen mit geistigen Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten wurden auf staatlichen Befehl hin getötet. Unter ihnen befanden sich auch viele Kinder und alte Menschen. Gemäß der nationalsozialistischen „Rassenlehre“ handelte es sich bei diesen Menschen um „unwertes Leben“. Durch ihre Tötung sollte die „Reinhaltung der Rasse“ gewährleistet werden. Zugleich beseitigte man damit sogenannte „Ballastexistenzen“, da man meinte, dass sie Deutschland im Krieg zur Last fallen könnten. Insgesamt fielen mehr als 200.000 Menschen den Euthanasie-Morden zum Opfer. Höhepunkt war die Aktion T4, ein von Hitler selbst in Auftrag gegebenes Mordprogramm, in dessen Rahmen ab 1939 mehr als 70.000 Menschen ermordet wurden. (hjk/as)

Exil

Der Begriff „Exil“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Verbannung“. Ein Mensch, der im Exil lebt, hat seine Heimat verlassen, weil er dort nicht länger leben kann. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Zum Teil versuchen Menschen aus eigenem Antrieb, den unerträglichen politischen oder wirtschaftlichen Verhältnissen in ihren Heimatländern zu entkommen. Andere werden aktiv aus ihrer Heimat verbannt oder vertrieben. Wieder andere müssen flüchten, weil sie wegen ihrer politischen Haltung, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer vermeintlichen „Rassenzugehörigkeit“ verfolgt werden. In den Jahren nach der NS-„Machtergreifung“ mussten insgesamt rund 40.000 politische Gegner der neuen nationalsozialistischen Machthaber aus Deutschland flüchten; mehr als eine halbe Million Menschen mussten flüchten, weil sie aus rassistischen Gründen verfolgt wurden. Der Großteil all dieser Bedrängten und Verfolgten suchte zunächst in Nachbarländern wie Frankreich Unterschlupf. Als dann aber im Zweiten Weltkrieg ein Großteil dieser Länder von der Wehrmacht besetzt wurde, mussten sie unter oft dramatischen Umständen versuchen, sich aus Europa nach Amerika oder auf andere Kontinente zu retten. (as)


F

Fahnenflucht

„Fahnenflucht“ ist die deutsche Bezeichnung für Desertion. Der Begriff selbst stammt aus der Zeit des 1871 begründeten Kaiserreichs: Die Fahne galt als das Symbol des Reichs, hinter dem sich die Armee versammelte. (hjk)

Faschismus

Der Faschismus entstand unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg als politische Bewegung in Italien. Sein Name leitet sich vom lateinischen „fascis“ ab, das auf Deutsch „Bündel“ bedeutet. Als Symbol hatten sich die Faschisten das Rutenbündel erwählt, das kaiserliche Leibwächter im alten Rom als Zeichen der Macht bei sich getragen hatten. Dem parlamentarischen System setzte der italienische Faschismus die Forderung nach der Herrschaft eines einzigen starken Führers entgegen. Diese extreme Form des Führerkults ging mit einem ebenso extremen Jugend- und Körperkult, übersteigertem Männlichkeitswahn, Gewaltverherrlichung sowie mit dem Anspruch nach der Wiederherstellung alter antiker Größe und einer Vormachtstellung Italiens im Mittelmeerraum einher. Nach der faschistischen Machtübernahme in Italien im Herbst 1922 wurden politische Gegner deportiert und ermordet, das Parlament wurde schrittweise entmachtet. Auch in vielen anderen europäischen Ländern entstanden damals faschistische Bewegungen. Da die Nationalsozialisten viele Zeichen und Rituale der italienischen Faschisten nachahmten und ihre Ideologie der faschistischen in vielem ähnelte, bezeichnete man auch sie als „Faschisten“ - womit man sie allerdings unterschätzte. Die Machtansprüche und Unterdrückungsmethoden des italienischen Faschismus nämlich waren durchaus mit denen früherer und späterer autoritärer Regime vergleichbar. Der Rassenwahn der Nazis, ihr Anspruch auf absolute Weltherrschaft und schließlich das von ihnen errichtete Terror-Regime hingegen ließen alles bis dahin Dagewesene und überhaupt Denkbare weit hinter sich. (hjk/ah)

Feindsender

Der Begriff „Feindsender“ wurde 1939 mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs geprägt. Als „Feindsender“ bezeichnete das NS-Regime die Rundfunksender der Kriegsgegner Deutschlands. Das Hören dieser Sender war verboten. Zu ihnen zählten zum Beispiel BBC London und Radio Moskau – aber auch das Hören anderer Sender wie zum Beispiel Radio Vatikan war untersagt. Wer ihre Programme hörte, wurde häufig aufgrund einer Denunziation von der Geheimen Staatspolizei verfolgt und von ihr verwarnt. Oft wurde das Rundfunkgerät beschlagnahmt, seltener auch eine Gefängnisstrafe verhängt. Wer die Inhalte der gehörten Nachrichten weitererzählte, musste allerdings mit einer härteren Strafe rechnen: Wegen der Verbreitung von „Feindpropaganda“ drohte ihm ein mehrjähriger Zuchthaus-Aufenthalt oder sogar die Todesstrafe. (hjk/as)

Fememord

Der Begriff „Fememord“ stammt ursprünglich aus dem Mittelalter und bezeichnet einen Mord, der als Rache für einen Verrat dienen soll. In den ersten Jahren der Weimarer Republik ermordeten Täter rechtsextremer Gruppierungen Politiker aus den Reihen von Zentrum, SPD, USPD und KPD sowie Anarchisten, da sie sie als Landesverräter ansahen. (hjk)

Fraktion

In einem Parlament schließen sich die Abgeordneten einer Partei zu einer Fraktion zusammen. Manchmal können aber auch mehrere Parteien eine Fraktion gründen. Für eine Fraktionsbildung ist immer eine Mindestanzahl von Mitgliedern erforderlich. Diese Mitglieder wählen einen Fraktionsvorsitzenden, der die Arbeit koordiniert. Fraktionen haben besondere parlamentarische Rechte. Sie können beispielsweise Anträge stellen und erhalten finanzielle Zuwendungen durch den Staat. (as)

Freikorps

Gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 musste die deutsche Reichswehr von mehreren Millionen auf 100.000 Mann reduziert werden. Ehemalige Offiziere mit monarchistischen und rechtskonservativen Einstellungen schlossen sich daraufhin zu illegalen Privatarmeen zusammen, die die neue Republik bekämpften. Insgesamt rotteten sich über 400.000 ehemalige Soldaten in rund 120 Freikorps [sprich: Kor] zusammen. Aus ihren Reihen heraus wurden vor allem viele linke Politiker ermordet. Im März 1920 beteiligten sich Freikorps am Kapp-Putsch. Nach der kurz darauf erfolgten offiziellen Auflösung der Freikorps kam ein kleiner Teil von ihnen bei der verkleinerten Reichswehr unter. Andere hingegen schlossen sich rechtsextremen Organisationen wie dem Stahlhelm oder der NSDAP an. (hjk/as)

Funktionär

Ein Funktionär ist jemand, der Leitungsaufgaben in einer Partei, einer Gewerkschaft, im Wirtschaftsleben oder in einem Verein ausübt. (hjk)


G

Geheime Staatspolizei (Gestapo)

In den meisten Ländern des Deutschen Reichs existierte bereits vor der „Machtergreifung“ der NSDAP eine politische Polizei, die gegen staatsfeindliche Bestrebungen ermittelte. Dabei richtete sie ihre Aufmerksamkeit oft nur auf das linksextreme Milieu. Im April 1933 rief der neue preußische Ministerpräsident Hermann Göring schließlich die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ins Leben. Sie diente vor allem der Verfolgung politischer Gegner und war in ihrem Handeln keinerlei gerichtlicher Kontrolle unterworfen. Häftlinge wurden durch Folter zu Aussagen und Geständnissen gezwungen. Bis 1939 richtete sich die Verfolgung durch die Gestapo vorwiegend gegen Kommunisten und Sozialdemokraten. Seit Beginn des Zweiten Weltkriegs verfolgte die Gestapo zunehmend auch Menschen, die sich angeblich defätistisch und wehrkraftzersetzend geäußert hatten. Ein dichtes Netz an Spitzeln und Denunzianten half ihr dabei. Die Verhafteten wurden oft sogar in „Schutzhaft“ genommen und in ein Konzentrationslager verschleppt. (hjk/as)

Gemeinschaftsfremde

Als „Gemeinschaftsfremde“ galten im NS-Staat alle Personen, die sich nicht in die vermeintliche „Volksgemeinschaft“ einfügten. Insbesondere galt dies für Bettler, Umherziehende oder Personen, die keiner Arbeit nachgingen. Häufig wurden all diese Personen auch als „Asoziale“ bezeichnet. (hjk)

Gewerkschaft

In Gewerkschaften organisieren sich Menschen, die keine selbstständige Tätigkeit ausüben, sondern als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abhängig bei einem Arbeitgeber beschäftigt sind. Die ersten gewerkschaftsähnlichen Zusammenschlüsse in Deutschland entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals mussten sich immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter gegen die Ausbeutung durch die Unternehmer und die miserablen, vielfach gefährlichen Arbeitsbedingungen in den Fabriken zur Wehr setzen. Wichtigstes Kampfmittel der Gewerkschaften wurde die Arbeitsniederlegung. Für sie bürgerte sich bald der Begriff „Streik“ ein, der sich vom englischen Wort „strike“ herleitet, zu Deutsch „Schlag“. Die SPD-nahen Freien Gewerkschaften entwickelten sich rasch zu wirkungsmächtigen Organisationen mit vielen Millionen Mitgliedern. Neben ihnen bestanden bis 1933 auch noch kleinere christliche und liberale Gewerkschaften. Nach 1945 fanden sich all diese verschiedenen Richtungsgewerkschaften zu parteipolitisch ungebundenen Einheitsgewerkschaften zusammen. (hjk/ah)

Gleichschaltung

Mit dem Begriff „Gleichschaltung“ bezeichneten die Nationalsozialisten die Ausrichtung des gesamten Staatsapparats auf die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Vorstellungen der NSDAP in den Jahren nach ihrer „Machtergreifung“. Schon im Frühjahr 1933 wurden die Länder des Deutschen Reichs endgültig ihrer politischen Selbstständigkeit beraubt. Fortan hatten dort „Reichsstatthalter“ der NSDAP das Sagen. Im Zuge einer „Gleichschaltung von Partei und Staat“ wurden alle Parteien mit Ausnahme der NSDAP selbst verboten. Unabhängige Verbände und Gewerkschaften wurden aufgelöst und ihre Mitglieder in reichsweite NS-Organisationen überführt. (hjk/as)

Grenzsekretariat

Nachdem die SPD im Juni 1933 verboten worden war, formierte sich die Partei im Prager Exil unter dem Namen „Sopade“ erneut. Rund um das Deutsche Reich baute die Partei vom Exil aus Grenzsekretariate auf. Ähnlich verfuhr auch die SAP. Von den Grenzsekretariaten aus sollte die illegale Arbeit der im Reich verbliebenen Genossen koordiniert werden. So wurde von dort aus nicht zuletzt auch der Schmuggel verbotener Schriften ins Reich organisiert, mit denen man die Menschen im Reich über die Verbrechen des NS-Regimes aufklären wollte. Zugleich sammelten die Grenzsekretariate Informationen über die Lage im Reich und meldeten sie an ihre Exil-Zentralen weiter. Darüber hinaus dienten sie als Anlaufstellen für neu hinzukommende Flüchtlinge. Als Leiter des für Baden, die Pfalz, Württemberg und das heutige Südhessen zuständigen Sopade-Grenzsekretariats Südwest fungierte der ehemalige SPD-Landesvorsitzende Georg Reinbold. (ah)


H

Hakenkreuz

Das Hakenkreuz hat seinen Ursprung im Buddhismus und im Hinduismus. Im Altindischen wird es als „Swastika“ bezeichnet, was „Glücksbringer“ bedeutet. Das Hakenkreuz besteht aus vier gleichlangen, in eine Richtung abgewinkelten Armen. Die Kelten und die Germanen verwendeten ähnliche Symbole. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Swastika in Deutschland unter der Bezeichnung „Hakenkreuz“ bekannt. Im 19. Jahrhundert versuchten Antisemiten und Rassisten zunehmend, das Hakenkreuz als Symbol mit „arischen“ Ursprüngen zu vereinnahmen. Die Nationalsozialisten knüpften daran an und machten es zu ihrem Heilszeichen. Seit dem Ende des NS-Regimes im Jahr 1945 ist die Darstellung des Hakenkreuzes in Deutschland und Österreich verboten, weil es Ideologie, Gewaltherrschaft und Verbrechen des Nationalsozialismus repräsentiert. (as)

Harzburger Front

Im Herbst 1931 schlossen sich in Bad Harzburg mehrere rechtsextreme Parteien und Gruppierungen zur „Harzburger Front“ zusammen. Initiator der Aktion war der Medienmogul Alfred Hugenberg. Außer der von Hugenberg angeführten DNVP gehörten der „Harzburger Front“ vor allem der Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten und die NSDAP an. Die „Harzburger Front“ bezeichnete sich als „nationale Opposition“ mit dem Ziel, gemeinsam die Weimarer Republik zu bekämpfen. (hjk/as)

Heimtückegesetz

Schon im März 1933 erließ die kurz zuvor ins Amt gelangte Regierung Hitler eine Verordnung, die jegliche kritische Äußerung gegen das Regime unter Strafe stellte. Damit war jegliche Form der freien Meinungsäußerung faktisch abgeschafft und dem Denunziantentum Tür und Tor geöffnet. Im Dezember 1934 wurde die Regelung weiter verschärft: Das neue "Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei" stellte nun auch den Missbrauch von Uniformen oder anderen staatlichen Zeichen unter Strafe. In der Folgezeit wurden Tausende von Menschen auf der Basis des „Heimtückegesetzes“ angeklagt und verurteilt. (hjk/as)

Herrenrasse

Der Begriff „Herrenrasse“ basiert auf der Behauptung, dass bestimmte Völker und Nationen anderen aufgrund vermeintlich natürlicher und unabänderlicher Anlagen überlegen seien. Im Zuge des Kolonialismus war bereits im 19. Jahrhundert der Begriff „Herrenvolk“ geprägt worden. Mit dem Aufkommen der Rassenlehre bürgerte sich dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend der Begriff „Herrenrasse“ ein. Demnach war die „arischeRasse“ allen anderen „Rassen“ angeblich weit überlegen und deshalb zur Weltherrschaft bestimmt. Die Nationalsozialisten übernahmen diese Idee, spitzten sie weiter zu und setzten sie auf grausamste Weise in die Tat um: Um die „arische Herrenrasse" zu „reinigen“, wurden im Zuge der Euthanasie-Morde Hunderttausende von Menschen ermordet. Nach der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs wurden Angehörige vermeintlich minderwertiger Völker und „Rassen" unterdrückt und versklavt. Die „jüdische Rasse“ und die „Rasse“ der „Zigeuner“ sollten sogar vollständig ausgelöscht werden. (as/ah)

Hitler-Gruß

Schon in den 1920er Jahren wurde es in den Reihen der NSDAP üblich, einander mit erhobenem rechtem Arm und der Formel „Heil Hitler!“ oder den Worten „Sieg Heil!“ zu grüßen. Diesen „Hitler-Gruß“ hatten die Nationalsozialisten bei den italienischen Faschisten entlehnt. Deren „römischer Gruß“ war allerdings nicht als Huldigung an eine Person gedacht, sondern sollte signalisieren, dass die faschistische Bewegung die einstige Größe des antiken Rom wiederherstellen würde. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 wurde der Hitler-Gruß in der deutschen Öffentlichkeit zur verbindlichen Grußformel. Wer ihn nicht entbot oder erwiderte, machte sich verdächtig, sich nicht zum NS-Staat und zu Adolf Hitler zu bekennen, und musste seit 1939 sogar mit Bestrafung rechnen. Nach dem Ende des NS-Regimes wurde der Hitler-Gruß in Deutschland und Österreich per Gesetz verboten. (hjk/as)

Hitler-Jugend (HJ)

Die Hitler-Jugend (HJ) war die Jugendorganisation der NSDAP. 1933 wurden alle anderen Jugendgruppen verboten und die HJ zur einzigen staatlichen Jugendorganisation erhoben. Seither umfasste sie stets beinahe neun Millionen Mitglieder. Seit 1939 war die Mitgliedschaft in der HJ für Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren Pflicht. Der Dienst in der HJ besaß oberste Priorität in der Jugendbildung und hatte so auch Vorrang vor schulischen Aktivitäten. Die Jugendlichen wurden in der rassistischen und sozialdarwinistischen Ideologie geschult. Die Erziehung erfolgte nach Geschlechtern getrennt: Die Mädchen sollten sich im Bund Deutscher Mädel (BDM), der weiblichen Unterorganisation der HJ, auf ihre Aufgaben als Hausfrauen und Mütter vorbereiten. Für die Jungen standen Geländespiele, Märsche und andere körperliche Übungen zur Vorbereitung auf den Kriegsdienst im Mittelpunkt. Ab 1943 wurden Hitler-Jungen zunehmend an der Kriegsfront eingesetzt, wo Tausende von ihnen als „Kanonenfutter“ regelrecht „verheizt“ wurden. (hjk/as) 

Hochverrat

Hochverrat begeht, wer mit Gewalt oder unter Androhung von Gewalt dem eigenen Land schaden möchte. Im Rechtswesen zählen zu diesem Delikt unter anderem Sabotage, Geheimnisverrat, Fahnenflucht und Befehlsverweigerung. 1934 wurden die meisten dieser Straftatbestände aus dem entsprechenden Gesetz gestrichen. Somit konnten die Gerichte beliebig und willkürlich über die Anklagen entscheiden. Als Hochverrat konnten neben den oben genannten daher auch alle Handlungen und Aussagen gewertet werden, die nicht mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmten. Diese wurden im Laufe der Jahre mehr und mehr mit dem Tod bestraft. Allein in der für Hochverräter vorgesehenen Strafanstalt Plötzensee in Berlin wurden zwischen 1933 und 1945 rund 3.000 Menschen hingerichtet. (hjk/as)


I

Illegalität

Der Begriff „Illegalität“ leitet sich vom lateinischen Wort „lex“ ab, das auf Deutsch „Gesetz“ bedeutet. Illegal handelt, wer sich gegen bestehende Gesetze richtet. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 wurden die Gewerkschaften und alle Parteien außer der NSDAP verboten. Seither konnten sich die Aktiven der anderen Parteien nur noch geheim treffen. Unterstützt wurde ihre Arbeit von politischen Mitstreitern, die in die Emigration gegangen waren. Jede Aktivität gegen das Regime konnte als illegal verurteilt und bestraft werden. Ein dichtes Netz von Gestapo-Spitzeln trug dazu bei, dass viele illegale Aktivitäten, die sich gegen das Regime richteten, aufgedeckt wurden. (hjk/as)


J

Jude | jüdisch

Das Judentum, das Christentum und der Islam unterscheiden sich von anderen Religionen dadurch, dass sie nur einen einzigen allumfassenden Gott kennen. Das Judentum ist die älteste dieser drei Religionen. Nach seiner religiösen Tradition gilt als Jude, wer eine jüdische Mutter hat. Für strenggläubige Juden ist die Einhaltung der religiösen Vorschriften wichtig – so vor allem die Achtung des wöchentlichen Ruhetags, des Sabbath. Er beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend. Das Gotteshaus der Juden nennt man Synagoge. Im christlichen Mitteleuropa waren Juden schon im Hochmittelalter Unterdrückung und Pogromen ausgesetzt. Erst im 19. Jahrhundert erhielten sie in Deutschland nach und nach volle Staatsbürgerrechte, und noch bis 1918 war ihnen der Zugang zu bestimmten Berufen verwehrt. Um der anhaltenden Diskriminierung zu entgehen, ließen sich vor allem im 19. Jahrhundert viele Juden zu Christen taufen. Im Zuge des aufkommenden Rassenantisemitismus wurden als „Juden“ nicht mehr nur diejenigen Menschen begriffen, die jüdischen Glaubens waren, sondern auch Menschen jüdischer Herkunft, die zum Christentum konvertiert waren oder gar keiner Religionsgemeinschaft mehr angehörten. Nach den im NS-Regime eingeführten Rassengesetzen war „Jude“, wer Eltern oder zumindest Großeltern jüdischen Glaubens hatte. Damit bezog sich also auch die nationalsozialistische „Rassenpolitik“ letztlich auf die Religionszugehörigkeit. Dies unterstreicht nochmals, dass es keine „jüdische Rasse“ gibt. Der rassistischen Massenverfolgung durch das NS-Regime fielen rund sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft zum Opfer. Unter diesem Eindruck konnten Juden im Jahr 1948 Israel als eigenen Staat gründen. Dort lebt heute ungefähr die Hälfte der weltweit rund 15 Millionen Juden. (hjk/ah)


K

Kampfzeit

Als „Kampfzeit“ bezeichneten die Nationalsozialisten die Jahre von 1919 bis 1933, in denen sich ihre Partei von einer unbedeutenden Kleinstpartei zu einer Massenpartei entwickelte. Ziel des „Kampfs“ war nicht zuletzt die Tilgung des Versailler Vertrags, den nicht nur die Nationalsozialisten als Schmach für Deutschland betrachteten. Als zentrales Ereignis der „Kampfzeit“ galt der Hitler-Putsch von 1923, dessen Jahrestage in der Folgezeit ausgiebig gefeiert wurden. (hjk)

Kollaboration

„Kollaboration“ ist ursprünglich ein neutraler Begriff aus dem Lateinischen und bedeutet „Zusammenarbeit“. Nachdem Nazi-Deutschland im Sommer 1940 Frankreich besetzt und im südlichen Teil Frankreichs das Vichy-Regime errichtet hatte, forderte dessen Staatschef Marschall Philippe Pétain die Franzosen am 30. Oktober 1940 in einer Rundfunkrede auf, mit dem deutschen Besatzungsregime zu kollaborieren. Dadurch erhielt der Begriff „Kollaboration“ in der französischen Bevölkerung eine negative Bedeutung: Ein einheimischer „Kollaborateur“, der das NS-Regime unterstützte oder sogar für Nazi-Deutschland arbeitete, galt als Verräter am Freiheitskampf des eigenen Volks. (hjk)

Kommunismus

Als im 19. Jahrhundert in Europa die Industrialisierung einsetzte, wurden viele Fabrikbesitzer sehr reich, während die meisten Arbeiter Elend und Not litten. Um nicht zu verhungern, mussten sie oft auch ihre Kinder zur Arbeit in die Fabriken schicken. Als Antwort auf diese Ungerechtigkeiten forderten Karl Marx und Friedrich Engels 1848 in ihrem 'Kommunistischen Manifest' ein Ende dieser Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Den Begriff „Kommunismus“ leiteten sie vom lateinischen Wort „communis“ ab, das „gemeinsam“ bedeutet. Gemäß der Lehre, die Marx und Engels in diesem Manifest und später in anderen Schriften entwickelten, soll alles, was zur Herstellung lebensnotwendiger Dinge benötigt wird, der Gemeinschaft gehören. Zudem soll niemand mehr über einen anderen herrschen. Ziel ist die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, in der alle Menschen politisch und wirtschaftlich gleichgestellt sind. Die in den 1860er Jahren entstehende Arbeiterbewegung berief sich ausdrücklich auf Marx und Engels. Allerdings setzten die sozialdemokratischen Parteien darauf, bei Wahlen Mehrheiten zu gewinnen und so die Gesellschaft nach und nach im Sinne der marxistischen Idee zu verändern. Die kommunistischen Parteien hingegen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von ihnen abspalteten, wollten das kapitalistische System durch einen gewaltsamen Umsturz beseitigen – nötigenfalls auch gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung. Die angeblich „kommunistischen“ Diktaturen des 20. Jahrhunderts hatten mit dem, was Marx und Engels vorgeschwebt hatte, nur wenig gemein. (hjk/ah)

Konservatismus

Der Begriff „Konservatismus“ leitet sich vom lateinischen „conservare“ ab, was „bewahren“ und „erhalten“ bedeutet. Ein Konservativer versucht die bestehenden sozialen und politischen Zustände zu bewahren oder eine frühere Ordnung wiederherzustellen. Wer oder was als „konservativ“ zu gelten hat, lässt sich allerdings nur schwer genauer definieren. Oft herrscht eher eine Haltung zu bestimmten Themen als ein geschlossenes Weltbild vor. Der Begriff erklärt nämlich nicht, was im Einzelnen bewahrt und erhalten werden soll. In den 1970er Jahren hat Erhard Eppler die Unterscheidung zwischen Strukturkonservatismus einerseits und Wertkonservatismus andererseits geprägt: Strukturkonservativ ist jemand, der bestehende Machtstrukturen und Besitzverhältnisse erhalten möchte. Wertkonservativ dagegen ist jemand, der tradierte Werte wie auch die Natur bewahren möchte, aber bereit ist, zur Erreichung dieses Ziels Strukturen zu erneuern. (as)

Konzentrationslager (KZ)

Der Begriff „Konzentrationslager“ wurde bereits seit dem 19. Jahrhundert zur Bezeichnung von Internierungslagern in Amerika, Asien, Afrika und Europa verwendet, in die man Angehörige bestimmter Bevölkerungsgruppen – auch Frauen und Kinder – sperrte. Unmittelbar nach ihrer „Machtergreifung“ errichteten die Nationalsozialisten in ganz Deutschland mehrere Dutzend Konzentrationslager. Dorthin verschleppten sie zunächst vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und andere politische Gegner. Mit Ausnahme des KZs Dachau bei München wurden diese frühen KZs in den folgenden Jahren wieder aufgelöst – so zuletzt 1939 das KZ Kislau. An ihre Stelle traten seit Mitte der 1930er Jahre große, zentrale Konzentrationslager wie Buchenwald und Sachsenhausen. Um diese „Stammlager“ herum entstand ein engmaschiges Netz sogenannter „Außenkommandos“. Neben Nazi-Gegnern wurden mehr und mehr auch Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma sowie Juden und Menschen jüdischer Herkunft in KZs verschleppt. Unter vielfach grausamsten Bedingungen mussten die Häftlinge dort schwerste Zwangsarbeit leisten. Dabei waren sie der Willkür des Wachpersonals vollkommen ausgeliefert. Hunger, Folter und Mord gehörten mehr und mehr zur Tagesordnung. Im Zweiten Weltkrieg wurden in den von der Wehrmacht eroberten westlichen und östlichen Nachbarländern weitere Lager errichtet – so etwa 1940 im besetzten Polen das KZ Auschwitz und 1941 im Elsass das KZ Natzweiler-Struthof. In auf polnischem Gebiet errichteten Lagern wurden seit Ende 1941 Millionen von Menschen – die meisten von ihnen Juden und Menschen jüdischer Herkunft – systematisch fabrikmäßig ermordet. Deshalb nennt man diese Lager heute nicht „Konzentrationslager“, sondern „Vernichtungslager“. (ah)

Kriegsdienstverweigerung

Wer sich weigert, an Kriegshandlungen teilzunehmen, wird als „Kriegsdienstverweigerer“ bezeichnet. Auch die Verweigerung einer militärischen Ausbildung zählt zur Kriegsdienstverweigerung. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde auf Druck von Deutschlands Kriegsgegnern die deutsche Armee auf nur noch 100.000 Mann reduziert. Die allgemeine Wehrpflicht war damit abgeschafft und eine Kriegsdienstverweigerung nicht mehr nötig. Die Nationalsozialisten führten 1935 diese Wehrpflicht wieder ein und verstießen damit gegen die Auflagen des Versailler Vertrags. Seither galt unter dem NS-Regime die Verweigerung einer militärischen Ausbildung als Wehrkraftzersetzung. Wer sich dennoch dem Kriegsdienst verweigerte, wie zum Beispiel viele Angehörige der Zeugen Jehovas, konnte in ein Konzentrationslager verschleppt und sogar zum Tode verurteilt werden. Mit der Einführung des Grundgesetzes 1949 wurde die Kriegsdienstverweigerung zu einem Grundrecht erhoben. Die allgemeine Wehrpflicht, die in der Bundesrepublik Deutschland von 1956 bis 2011 für Männer galt, konnte durch ein Kriegsdienst-Verweigerungsverfahren umgangen werden. Als Ersatz leistete man Zivildienst. 2011 wurde die Wehrpflicht in Friedenszeiten schließlich wieder vollständig ausgesetzt. (hjk/as)

Kurier

Der Begriff „Kurier“ leitet sich vom französischen Verb „courir“ ab, das auf Deutsch „laufen“, „rennen“ oder auch „eilen“ bedeutet. Ein Kurier ist jemand, der Nachrichten oder Materialien übermittelt. Nach der NS-„Machtergreifung“ leisteten zunächst vor allem Mitglieder der KPD, der SAP, der SPD und der Freien Gewerkschaften Widerstand gegen das NS-Regime. Da ihre eigenen Zeitungen verboten und alle anderen Presseorgane wie auch die Verlage gleichgeschaltet waren, schmuggelten sie heimlich Informationsmaterial aus dem Ausland ins Reich. Mit diesen Schriften wollten sie vor allem ihre eigenen Leute, aber auch den Rest der Bevölkerung über die wahre Lage in Deutschland auf dem Laufenden halten. Die Mitglieder der im Reich operierenden Widerstandsgruppen wiederum wollten ihren Parteizentralen im Exil Berichte über die Lage im Reich sowie über die Stimmung in der deutschen Bevölkerung übermitteln. Kuriernetze stellten den Informationsaustausch über die Ländergrenzen hinweg sicher. Eine wichtige Rolle kam dabei gewerkschaftlich aktiven Eisenbahnern und Schiffsleuten zu, die verbotene Schriften relativ unauffällig ins Land und heraus schmuggeln konnten. Von geheimen Verteilstationen aus wurden diese Schriften dann von Fahrradkurieren oder auch zu Fuß im Inland verbreitet. Dass das extrem gefährlich war, zeigt etwa der gewaltsame Tod eines kommunistischen Kuriers, der im Herbst 1933 in der Nähe des Karlsruher Rheinufers von SA-Leuten ermordet wurde. (hjk/ah)


L

Landesverrat

Landesverrat begeht, wer durch Spionage oder die Weitergabe von Geheimnissen die äußere Sicherheit eines Landes gefährdet. In einer Diktatur allerdings verfolgen die Machthaber meist alle als vermeintliche Landesverräter, die sich gegen das Regime zur Wehr setzen und Widerstand leisten. Unter dem NS-Regime wurde im April 1934 für die Verurteilung angeblicher Landes- und Hochverräter ein Sondergericht eingeführt: der „Volksgerichtshof“. (hjk)


M

Monarchie

Der Begriff „Monarchie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft eines Einzelnen“. Allgemein werden Staaten mit einem König oder Kaiser an der Spitze als Monarchien bezeichnet. Oft übt der Herrscher sein Amt auf Lebzeiten aus. In der Regel unterscheidet man zwischen einer Erbmonarchie, bei der der Herrscher das Amt von seinem Vater oder seiner Mutter erbt, und einer Wahlmonarchie, bei der der Herrscher per Wahl bestimmt wird. Eine weitere Unterscheidung knüpft sich an die Frage, wie groß die Machtbefugnisse des Herrschers sind: In einer absoluten Monarchie besitzt der Herrscher uneingeschränkte Macht. In einer konstitutionellen Monarchie hingegen ist die Macht des Herrschers durch eine Verfassung eingeschränkt und wird oft mehr oder weniger stark durch ein Parlament kontrolliert. In einigen europäischen Ländern bestehen noch heute konstitutionelle Monarchien, in denen die Königinnen und Könige aber kaum noch Entscheidungsbefugnisse haben. (hjk/as)


N

Nationalsozialismus

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstand eine Bewegung mit nationalistischen, fremdenfeindlichen und rassistischen Einstellungen: der Nationalsozialismus. Seine Anhänger waren seit 1920 in der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei organisiert. Ihr Anführer war Adolf Hitler. Die Nationalsozialisten strebten die Beseitigung der Demokratie und die Errichtung einer Diktatur an. Mit den Faschisten, einer Bewegung, die zur selben Zeit in Italien entstand, teilten die Nationalsozialisten die Vorstellungen von einem starken Führer, einem übertriebenem Körperkult und gesteigertem Männlichkeitswahn. Da sie darüber hinaus auch viele Symbole und Rituale der Faschisten nachahmten, bezeichnete man oft auch die Nationalsozialisten als „Faschisten“, womit man sie maßlos unterschätzte: Der charakteristische Kern des nationalsozialistischen Denkens war unzweifelhaft der Rassenwahn, der schließlich im Anspruch auf die Weltherrschaft gipfelte: Die „arische Rasse“ war demnach allen anderen „Rassen“ angeblich weit überlegen und deshalb zur Weltherrschaft bestimmt. Die „slawische Rasse“ sollte versklavt werden, die „jüdische Rasse“ und die „Rasse“ der „Zigeuner“ sollten vollständig ausgelöscht werden. (hjk/as/ah)

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)

Im Februar 1920 hatten sich im Münchner Hofbräuhaus die Mitglieder der völkischen Deutschen Arbeiterpartei (DAP) versammelt. Initiator dieser „Massenversammlung“ war Adolf Hitler, der seit 1919 Propagandabeauftragter der Partei war. Im Hofbräuhaus legte er den rund 2.000 Anwesenden nun ein 25-Punkte-Programm vor. Dieses enthielt unter anderem die Forderungen nach einem Großdeutschen Reich, nach der Auflösung des Versailler Vertrags und der Aufhebung der deutschen Staatsbürgerschaft für Juden. Am selben Abend wurde auch die Umbenennung der DAP in „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ bekanntgegeben. Wegen republikfeindlicher Umtriebe erfolgte bereits 1922 in mehreren deutschen Ländern ein NSDAP-Verbot, darunter auch in Baden. Nach dem gescheiterten Hitler-Putsch am 9. November 1923 wurde die NSDAP reichsweit verboten. Hitler, der nach dem Putsch zunächst in Haft gesessen hatte, begann nach seiner Freilassung 1924 mit dem Wiederaufbau der NSDAP. Sein Ziel war nun, die Macht auf legalem Wege zu übernehmen. Im Februar 1925 wurde die Partei wieder zugelassen. In der Folgezeit entwickelte sich die NSDAP von einer Kleinstpartei immer mehr zu einer Massenbewegung, denn sie agierte sehr geschickt: Jeder gesellschaftlichen Gruppe versprach sie, genau ihre Wünsche zu erfüllen – ganz egal, ob dies überhaupt sinnvoll und realistisch war. Angesichts der sich seit 1928/29 zuspitzenden Weltwirtschaftskrise prangerte die NSDAP immer wieder die Massenverelendung an, für die sie eine angebliche finanzielle Verschwörung des „Weltjudentums“ verantwortlich machte. Diese Propaganda überzeugte vor allem viele Nichtwählerinnen und Nichtwähler sowie bürgerliche Wählerinnen und Wähler, die sich von der DVP und der DNVP abgewandt hatten. Zwischen 1925 und 1930 stieg die Mitgliederzahl der NSDAP auf über 130.000 Personen an und im Januar 1933 zählte die Partei bereits über 850.000 Mitglieder. Bei der Reichstagswahl im September 1930 erreichte die Partei bereits einen Stimmenanteil von 18,3 Prozent. Zwei Jahre später, im Juli 1932, war die NSDAP mit 37,3 Prozent der Stimmen schließlich zur stärksten Kraft im Reich geworden. Bei der darauf folgenden Reichstagswahl im November 1932 verzeichnete die Partei zwar einen leichten Stimmenverlust. Dieser war aber kaum noch von Bedeutung: Wenig später, am 30. Januar 1933, ließ sich schließlich der Reichspräsident Hindenburg von einer Regierung aus NSDAP und DNVP unter der Kanzlerschaft Hitlers überzeugen. Die Nationalsozialisten hatten die Macht im Reich errungen und konnten fortan ihre rassistischen, antisemitischen und autoritären Ziele als Regime ungehindert durchsetzen. (as)

Novemberverbrecher

Mit dem Kampfbegriff „Novemberverbrecher“ bezeichneten die rechtsextremistischen Parteien NSDAP und DNVP in der Zeit der Weimarer Republik diejenigen Politiker, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Geschicke Deutschlands bestimmten. Politiker der SPD und der katholischen Zentrumspartei hatten im November 1918 den Waffenstillstand mit den Siegermächten und im Juni 1919 schließlich auch den Versailler Vertrag unterzeichnet. Obwohl der deutsche Kaiser und seine Anhänger den Krieg angezettelt und die Niederlage Deutschland selbst verschuldet hatten, wollten Ultrakonservative und Rechtsextremisten nun die Demokraten für das Elend der Nachkriegszeit und für den Versailler „Schandfrieden“ verantwortlich machen. Mehr noch: Sie unterstellten ihnen, dass sie als „vaterlandslose“ Zivilisten die Niederlage im Krieg herbeigeführt und mit der Ausrufung der Republik und der Erfüllung des Versailler Vertrags Hochverrat am deutschen Volk begangen hätten – ihrer Ansicht nach das schlimmste Verbrechen, das man sich nur vorstellen könne. Damit rechtfertigten sie auch die zahlreichen Fememorde an demokratischen Politikern, die in den 1920er Jahren von Rechtsextremisten begangen wurden. (hjk/as)


P

Pazifismus

Der Begriff „Pazifismus“ leitet sich vom lateinischen „pax“ ab und bedeutet „Frieden“. Pazifisten lehnen aus Gewissensgründen jede Form von Krieg und Gewalt ab und dulden meist nur friedliche und gewaltfreie Aktivitäten. Selbst wenn ein Staat angegriffen wird, soll er sich nach Meinung der meisten Pazifisten nicht mit militärischen Mitteln verteidigen. Auch jede Form von Kriegs- oder Wehrdienst widerspricht deshalb der Überzeugung von Pazifisten. Schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs schlossen sich deutsche Pazifisten im Bund Vaterland zusammen, um sich für den Erhalt des Friedens einzusetzen. In der Weimarer Republik ging aus diesem Bund die Deutsche Friedensgesellschaft hervor. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten Ende Januar 1933 wurden die Mitglieder der deutschen Friedensbewegung vom NS-Regime verfolgt. Im Februar 1933 wurde die Deutsche Friedensgesellschaft verboten. Zahlreiche Pazifisten wurden verhaftet, einige sogar in Konzentrationslager verschleppt oder im Exil ermordet. (hjk/as)

Pogrom

Der Begriff „Pogrom“ stammt aus dem Russischen und bedeutet „Krawall“, „Verwüstung“ oder auch „Zerstörung“. Als „Pogrom“ bezeichnet man eine gezielte gewaltsame Ausschreitung gegen Menschen, die einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe angehören oder von den Tätern einer angeblichen gesellschaftlichen Gruppe zugerechnet werden. Bereits im Mittelalter war die jüdische Bevölkerung Europas im Zuge eines weitverbreiteten Antijudaismus immer wieder von Pogromen betroffen. Während der Begriff lange ausschließlich für die über Jahrhunderte hinweg an Juden begangene Gewalttaten gebraucht wurde, wird er heutzutage auch für gewalttätige Aktionen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen in vielen Ländern verwendet. In Deutschland ist vor allem die von den Nationalsozialisten im November 1938 begangene Reichspogromnacht in Erinnerung, in der in ganz Deutschland SA-Leute durch die Straßen zogen, Schaufenster von Geschäften jüdischer Inhaber einschlugen, plünderten, brandschatzten und Tausende von Juden und Menschen jüdischer Herkunft in Konzentrationslager verschleppten und ermordeten. (hjk/as)

Propaganda

Der Begriff „Propaganda“ leitet sich vom lateinischen „propagare“ ab und bedeutet „weiter ausbreiten“ und „ausdehnen“. Wer Propaganda betreibt, versucht öffentliche Ansichten, Einstellungen und Emotionen für seine Zwecke zu beeinflussen. Dabei streut er Nachrichten und Informationen, die er zuvor seinen Zielen entsprechend ausgewählt, manipuliert oder sogar erfunden hat. Für die Nationalsozialisten spielte seit den 1920er Jahren die Propaganda bei der Verbreitung ihres Gedankenguts eine wichtige Rolle. Dazu zählte vor allem die Ideologie von Führerkult, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, „Volksgemeinschaft“ und Militarismus. Unter Einsatz modernster Technik wie etwa Beschallung durch Lautsprecher wollte man die Massen mobilisieren und mit den nationalsozialistischen Ideen indoktrinieren. Als „führerzentrierte Partei“ wollte man gewährleisten, dass Adolf Hitler bei möglichst vielen Veranstaltungen in ganz Deutschland selbst anwesend sein konnte. Zu diesem Zweck setzte man Flugzeuge ein, die den „Führer“ in kürzester Zeit von einer Wahlkampfveranstaltung zur nächsten bringen sollten. Zudem kamen zum ersten Mal Propagandafilme zum Einsatz. Unter dem NS-Regime wurde sogar ein eigenes Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda geschaffen. Propagandaminister war Joseph Goebbels. Das Ministerium bestimmte die Inhalte aller Bereiche, die das öffentliche Leben betrafen: Presse, Literatur, Kunst, Theater, Musik, Spielfilm und Rundfunk. Nach der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs maß die Regimeführung der Propaganda eine umso größere Rolle zu: Die Nationalsozialisten verbreiteten Lügengeschichten über die Kriegsgegner und deren angeblich begangene Gräueltaten. (as)


R

Rasse

Das deutsche Wort „Rasse“ ist ein Lehnwort aus dem Französischen. Spätestens seit dem 16. Jahrhundert wurde der Begriff „race“ [sprich: „rass“] verwendet, um Lebewesen ein und derselben Art zu unterteilen und voneinander abzugrenzen. Er leitete sich möglicherweise vom Wort „racine“ [sprich: „rassín“] ab, das auf Deutsch „Wurzel“ bedeutet. Nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Menschen wurden in „racen“ eingeteilt. Die dahinter stehende Vorstellung war, dass Menschen ein und derselben „race“ vermeintlich über durch die Herkunft festgelegte unabänderliche gemeinsame Eigenschaften verfügen. Dies bezog sich vor allem auf die Hautfarbe und die körperliche Gestalt, von Anfang an aber auch schon auf angebliche geistige Eigenschaften. Andere, fremde „Rassen“ wurden als minderwertig hingestellt. So rechtfertigten und rechtfertigen weiße Rassisten die Unterdrückung der nach Amerika verschleppten Schwarzafrikaner noch bis in die Gegenwart damit, dass Schwarze dümmer und fauler als Weiße seien. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behaupteten judenfeindliche Rassisten, dass eine „jüdische Rasse“ existiere; die Nationalsozialisten griffen diese Behauptung auf. Inwieweit man Menschen tatsächlich nach körperlichen Eigenschaften einteilen kann, ist heute in der Wissenschaft strittig. Nicht strittig sollte hingegen sein, dass es keine unabänderlichen geistigen Eigenschaften ganzer Völker oder Volksgruppen gibt. Wer das behauptet, ist ein Rassist. (ah)

Rassenschande

Als „Rassenschande“ wurden unter der NS-Diktatur sexuelle Beziehungen zwischen „Ariern“ einerseits und „Rassejuden“ andererseits bezeichnet. Seit 1935 stellte das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes“ solche Beziehungen unter Strafe. Im Interesse der „Reinhaltung des deutschen Blutes“ sollten Angehörige der „arischen Herrenrasse“ ausschließlich miteinander Nachwuchs zeugen. Schon bald darauf wurde das Verbot auf sexuelle Beziehungen zu allen „Rassen“ ausgeweitet, die die Führung des NS-Regimes als minderwertig einstufte. Auf der Grundlage des Gesetzes kam es bis 1945 zu über 2.000 Verurteilungen mit Strafmaßen von bis zu 15 Jahren Haft. (hjk/ah)

Reichspogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zogen in ganz Deutschland SA-Leute durch die Straßen, schlugen die Schaufenster von Geschäften jüdischer Inhaber ein, plünderten die Geschäfte, zündeten Synagogen an und verschleppten Tausende von Juden und Menschen jüdischer Herkunft in Konzentrationslager. Viele wurden in dieser Nacht auch ermordet. Unter Anspielung auf die Zerstörung Tausender von Fensterscheiben belegte man die Übergriffe jener Nacht mit dem Begriff „Reichskristallnacht“. Damit verharmloste man das mörderische Geschehen und gab es der Lächerlichkeit preis. Trotzdem fand der Begriff noch bis in die 1980er Jahre hinein Verwendung. Heute hingegen wird treffender der Begriff „Reichspogromnacht“ benutzt. Die Reichspogromnacht markierte den Beginn der Vertreibung und Ermordung der Juden und Menschen jüdischer Herkunft – zunächst in Deutschland, später dann in ganz Europa. (hjk)


S

Sozialdemokratie

Schon die frühen badischen Demokraten, die sich in den 1840er Jahren für die Errichtung einer Republik einsetzten, bezeichneten sich selbst als „soziale Demokraten“. Sie wollten damit ausdrücken, dass sie nicht nur für Freiheits- und Bürgerrechte, sondern auch für eine gerechtere Wirtschaftsordnung stritten. In den 1860er und 1870er Jahren bildete sich schließlich die heutige Sozialdemokratie als deutschlandweite politische Bewegung heraus. Ebenso wie ihre Schwesterparteien in aller Welt bezog sich auch die SPD zunächst auf die Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels. Ihr Ziel war demnach eine klassenlose Gesellschaft. Die Mehrzahl der sozialdemokratischen Parteimitglieder und Funktionäre wollte zu diesem Ziel über stufenweise Reformen gelangen. Daher setzten sie in ihrer Tagespolitik von Anfang an auf einen gesetzmäßigen Weg. Auch wirkten sie eng mit den Gewerkschaften zusammen, die sich an ihrer Seite entwickelt hatten. Ein kleinerer Teil der Sozialdemokraten hingegen wollte den gesellschaftlichen Wandel durch revolutionäre Umbrüche und notfalls mit Gewalt herbeiführen. Nach 1900 spalteten sich die Befürworter dieses Wegs von den sozialdemokratischen Parteien ab und gründeten kommunistische Parteien. Angesichts der gesellschaftlichen Machtverhältnisse setzten die Sozialdemokraten seither mehr und mehr auf eine Zügelung des Kapitalismus statt auf dessen Abschaffung. In vielen Ländern konnten sie in den folgenden Jahrzehnten Regelungen durchsetzen, die der arbeitenden Bevölkerung Schutz vor Ausbeutung verschafften und Lebensrisiken abfederten. (ah)

Sozialfaschismusthese

Bereits 1924 hatte der spätere sowjetische Diktator Josef Stalin behauptet, die Sozialdemokratie sei „objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus“. Ohne die aktive Unterstützung der sozialdemokratischen Parteien könne der Faschismus demnach keine Erfolge erzielen. Hiervon ausgehend, erklärte die kommunistische Weltbewegung 1928/29 die Sozialdemokratie zu ihrem „Hauptfeind“. Spätestens seit dem Frühjahr 1929 folgte die KPD dieser Generallinie. Seither bekämpfte sie vor allem die SPD und erst an zweiter Stelle die NSDAP. Im Herbst 1932 organisierten KPD und NSDAP sogar gemeinsam einen groß angelegten Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Erst 1934/1935 rückten die Kommunisten wieder von der Sozialfaschismusthese ab und sprachen sich für die Bildung einer Volksfront gegen Faschismus und NS aus. (ah)

Sozialismus

Das Wort „Sozialismus“ leitet sich vom lateinischen Wort „sociabilis“ ab, das „gesellschaftlich“ oder auch „gemeinschaftlich“ bedeutet. Als „sozialistisch“ gelten demnach Theorien und Auffassungen, die eine Gesellschaft anstreben, in der niemand mehr von anderen ausgebeutet wird und in der niemand mehr Not leidet. Stattdessen sollen alle Menschen solidarisch und auf Augenhöhe miteinander zusammenleben und über die gleichen Möglichkeiten der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Teilhabe verfügen. Schon als sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England, Deutschland, Frankreich und anderswo die schlimmen Auswüchse des Kapitalismus zeigten und breite Bevölkerungskreise ins Elend stürzten, entwickelten Philosophen, Unternehmer und Politiker erstmals Ideen, die sich als „sozialistisch“ verstanden. Seit den 1840er Jahren benutzten Karl Marx und Friedrich Engels den Begriff „Sozialismus“, um die Übergangsphase von der kapitalistischen Klassengesellschaft zu der von ihnen angestrebten klassenlosen kommunistischen Gesellschaft zu bezeichnen. Auch die seit den 1860er Jahren entstehenden sozialdemokratischen Parteien und Bewegungen verstanden sich als sozialistisch. Selbst nachdem sich die kommunistischen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts von ihnen abgespalten hatten, herrschten in den sozialdemokratischen Parteien weiterhin unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit man sich in Politik und Programmatik den Bedingungen des kapitalistischen Klassenstaats anpassen müsse. In Deutschland etwa verließen 1931 vor allem viele Jüngere die SPD, um sich der neu gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei anzuschließen. Seit den 1970er Jahren bezeichnete die DDR-Führung ihre kommunistische Diktatur als „real existierenden Sozialismus“. Nicht zuletzt deshalb ist der Begriff „Sozialismus“ heute in Deutschland umstritten und wird oft missverständlich gebraucht. (ah)




V

Versailler Vertrag

Nach der Niederlage Deutschlands und dem Ende des Ersten Weltkriegs trafen sich 1919 die Vertreter der Siegermächte im Schloss von Versailles zur Pariser Friedenskonferenz, um die Friedenbedingungen für das Deutsche Reich auszuhandeln. Ein Hauptbestandteil der Verhandlungen war die Ausarbeitung des Versailler Friedensvertrags. Die wichtigsten Beteiligten an dieser Ausarbeitung waren Frankreich, Großbritannien, Italien und die USA. Das Deutsche Reich wurde darauf verpflichtet, die Alleinschuld am Krieg zu übernehmen und Reparationen zu leisten. Darüber hinaus musste das Reich 13 Prozent seines bisherigen Gebiets abgeben. So fielen nun zum Beispiel das Elsass und Lothringen an Frankreich. Um Deutschland von einem erneuten Krieg abzuhalten, wurde die Reichswehr auf 100.000 Mann begrenzt. An den Verhandlungen zum Vertrag nahmen nur die Siegermächte teil. Welche Forderungen sie an das Deutsche Reich stellten, erfuhren die deutschen Vertreter erst durch Einsicht in den bereits ausgearbeiteten Entwurf. Nachdem sich die deutsche Reichsregierung zunächst geweigert hatte, den Vertrag zu unterzeichnen, drohten die Siegermächte mit dem Einmarsch ihrer Truppen und mit einer fortdauernden Seeblockade. Dies hätte jedoch schlimme Folgen für die Versorgung der Zivilbevölkerung im Deutschen Reich gehabt. Um „zu retten, was zu retten ist“, um der deutschen Bevölkerung Hunger, Leid und einen erneuten Krieg zu ersparen und um die nationale Einheit Deutschlands zu erhalten, unterzeichneten der sozialdemokratische Außenminister Hermann Müller und der Zentrumsmann Johannes Bell schließlich am 28. Juni 1919 den Vertrag. Die Einwilligung in die Bedingungen des Vertrags rief in Deutschland allerdings große Proteste hervor: Obwohl der deutsche Kaiser und seine Anhänger den Krieg angezettelt und die Niederlage Deutschlands selbst verschuldet hatten, wollten vor allem die ultrarechten Parteien nun die Demokraten für das Elend der Nachkriegszeit und die harten Bedingungen des Versailler Vertrags verantwortlich machen: Sie beschimpften die demokratischen Politiker in der Folgezeit als „Novemberverbrecher“ und „Volksverräter“ und rechtfertigten so auch die zahlreichen Fememorde an den Demokraten, die in den 1920er Jahren von Rechtsextremisten begangen wurden. (hjk/as)

Volksfront

Als „Volksfront“ bezeichnet man ein breites politisches Bündnis, zu dem sich Kommunisten und Sozialdemokraten trotz ihrer großen inhaltlichen und strategischen Gegensätze zusammenfinden. Zum Teil umfasst der Zusammenschluss darüber hinaus auch liberale, konservative und andere „bürgerliche“ Kräfte. Damit bildet er also in der Tat einen sehr großen Teil der Bevölkerung eines Landes ab. Der Weg zu solchen Bündnissen wurde frei, nachdem die kommunistische Weltbewegung 1935 die bis dahin als ihre „Generallinie“ gültige Sozialfaschismusthese aufgegeben hatte. Noch im selben Jahr fanden sich 1933 aus Deutschland vertriebene Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller zu einer Volksfront-Initiative zusammen: dem Lutetia-Kreis. Um die Bedrohung durch Faschismus und Nationalsozialismus abzuwehren, entstanden Ende 1935 auch in Frankreich und Anfang 1936 dann auch in Spanien Volksfrontbündnisse. Beide Zusammenschlüsse gingen 1936 aus demokratischen Wahlen als Gewinner hervor. Während in Frankreich auf dieser Grundlage in den folgenden Jahren eine Volksfront-Regierung aus Kommunisten und Sozialisten die Politik bestimmte, wurde die spanische Volksfront-Regierung im Zuge eines grausamen Bürgerkriegs beseitigt. (ah)


W

Wehrmacht

„Wehrmacht“ war seit 1935 der Oberbegriff für alle militärischen Streitkräfte des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie gliederten sich in Heer, Marine und Luftwaffe. Auf Druck von Deutschlands Kriegsgegnern war die deutsche Armee nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags auf 100.000 Mann reduziert worden. Zugleich war die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft worden. Die verbleibende kleine Armee von Berufssoldaten trug den Namen „Reichswehr“. Für viele Menschen in Deutschland stellte diese Beschneidung der Fähigkeit zur Landesverteidigung eine große Schmach dar. Unter der NS-Diktatur wurde 1935 das „Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht“ erlassen. Damit verstieß das Regime gleich mehrfach gegen die Auflagen des Versailler Vertrags: Die Wehrpflicht wurde wiedereingeführt, die Armeestärke extrem ausgebaut: Bis 1939 betrug sie bereits mehr als vier Millionen Mann. Die Verweigerung einer militärischen Ausbildung oder des Kriegsdiensts galt fortan als Wehrkraftzersetzung. Die mit dem Gesetz einhergehende Umbenennung der deutschen Armee in „Wehrmacht“ war größenwahnsinnige Propaganda und Drohung gegen das Ausland zugleich: Die Umbenennung sollte anzeigen, dass das nationalsozialistische Deutschland alte militärische Größe wiederherstellen werde und damit im Begriff war, eine neue, große militärische Macht zu erlangen, die den Weg zur Weltherrschaft ebnen würde. Während des Zweiten Weltkriegs war die Wehrmacht vor allem in den vom NS-Regime besetzten Gebieten Osteuropas an zahlreichen Verbrechen beteiligt –vor allem an völkerrechtswidrigen Vergeltungsmaßnahmen an der Zivilbevölkerung sowie an der systematischen Ermordung von Juden und Menschen jüdischer Herkunft. (as)

Weimarer Koalition

Nachdem die deutsche Monarchie im November 1918 gestürzt worden war, wirkten sowohl die SPD als auch die katholische Zentrumspartei und die neugegründete Deutsche Demokratische Partei auf die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie hin. Nach der Wahl zu einer verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 fanden diese drei Parteien dann schließlich zusammen, um gemeinsam auf Reichsebene eine Koalitionsregierung zu bilden. Auch die folgenden Kabinette der Weimarer Republik setzten sich aus SPD, Zentrumspartei und DDP zusammen. Deshalb nannte man ein solches Dreierbündnis „Weimarer Koalition“. Auf Reichsebene war dieser Konstellation jedoch kein langes Leben beschieden: In den rasch wechselnden Reichskabinetten waren seit Ende 1922 auch Minister aus den Reihen der DVP vertreten, während sich die SPD seit 1923 auf Jahre hinaus mit der Oppositionsrolle begnügen musste. (ah)


Z

Zivilcourage

Der Begriff „Zivilcourage“ leitet sich vom französischen „courage civil“ [sprich: kurásch ziwíl] ab. Dieser Begriff tauchte erstmals im 18. Jahrhundert in Frankreich auf. Ganz im Sinne der Aufklärung wollte man damit ursprünglich den Mut des Einzelnen umschreiben, sich selbst ein Urteil zu bilden. In Deutschland fand der Begriff „Zivilcourage“ zum ersten Mal 1847 Verwendung. Der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck unterschied damit den Mut der zivilen Bevölkerung zu eigenständigem Denken vom Mut der Soldaten auf dem Schlachtfeld. In den 1920er Jahren entwickelte sich die Idee vom „Mut zu eigenständigem Denken“ angesichts der Bedrohung durch den Nationalsozialismus weiter zur Idee vom „Mut zu widerständigem Handeln“. Zivilcourage bewies, wer sich mutig den Nationalsozialisten und ab 1933 dem NS-Regime entgegenstellte. Heutzutage verstehen wir unter „Zivilcourage“ allgemein den Einsatz für die Rechte anderer unter Inkaufnahme eigener Nachteile. (hww/as)